Miles Davis: "Die Suche nach dem verlorenen Klang"
Miles Davis sprach in Interviews immer wieder davon, dass ein Musiker seinen Klang nicht einfach besitzt wie ein Handwerkzeug. Der Klang, meinte er sinngemäss, sei etwas Lebendiges - etwas, das sich verändert, wenn sich der Mensch verändert.
Nach einer schweren Krankheit und den Jahren des Rückzugs in den 1970ern fühlte er, dass ihm genau dieser innere Kern abhandengekommen war. Die Trompete funktionierte noch, die Technik war nicht verschwunden, aber der Ton hatte seine Wahrheit verloren.
In diesem Zusammenhang erzählte Miles einmal, er sei mit seiner Trompete an einen abgelegenen See gegangen. Er habe dort gesessen, lange Zeit, ohne zu spielen. Schon dieses Bild wirkt wie eine Szene aus einer Zen-Erzählung: ein Musiker, allein mit seinem Instrument, vor einer stillen Wasserfläche, und gerade das Nicht-Spielen wird zum eigentlichen musikalischen Akt.
Vielleicht verstand Miles intuitiv, dass der Mensch seinen tiefsten Ausdruck nicht erzwingen kann. Der wahre Ton entsteht nicht aus Wille allein, sondern aus Übereinstimmung zwischen Innen und Aussen. Martin Heidegger hätte vielleicht gesagt, Miles habe versucht, wieder in die „Eigentlichkeit“ seines Daseins zurückzufinden - weg vom Lärm des Musikgeschäfts, weg von Erwartungen, Erfolgen und Rollenbildern. Nicht der berühmte Miles Davis sollte dort sitzen, sondern der Mensch hinter der Legende - auch wenn er sich zu Lebzeiten stets gerne selbst inszinierte..
Dieser See selbst bekommt in der Erzählung eine fast metaphysische Bedeutung. Wasser ist seit jeher Symbol des Ursprungs, der Tiefe, des Unbewussten. In der spiegelnden Oberfläche begegnet man nicht nur der Welt, sondern auch sich selbst. Dass Miles dort nicht spielte, ist vielleicht der wichtigste Teil der Geschichte. Denn Schweigen war für ihn nie die Abwesenheit von Musik. Schweigen war Raum. Erwartung. Wahrheit. Gerade in seinen Balladen lebte seine Kunst oft von den Pausen zwischen den Tönen. Er wusste: Ein einzelner Ton kann mehr sagen als hundert schnelle Läufe - wenn er aus dem richtigen Ort kommt (s. hierzu auch meine Rezension zu "Tutu") .
Als er später auf die Bühne zurückkehrte, war sein Spiel verändert. Nicht mehr die aggressive Virtuosität früherer Jahre stand im Vordergrund, sondern etwas Fragileres, fast Suchendes. Doch gerade darin lag die Grösse seines Spätwerks. Miles Davis wollte nie konservieren, was einmal funktioniert hatte. Für ihn war Kunst kein Denkmal, sondern ein permanentes Werden.
Die Geschichte vom See - ob wortwörtlich oder bereits halb Mythos - erzählt deshalb mehr als nur eine biografische Episode. Sie erzählt von einem Künstler, der begriff, dass man seinen wahren Klang erst wiederfindet, wenn man bereit ist, der eigenen Stille zuzuhören.
