Album-Rezension: John Coltrane "The Olatunji Concert"
Bedeutung in der Jazzhistorie
Wenn man den historischen Kontext betrachtet, markiert dieser Auftritt einen tiefen Einschnitt: Es ist der Moment, in dem der Jazz seine Rolle als klassische Formsprache hinter sich lässt und sich in eine reine Ästhetik des Zustands verwandelt.
Um die musikhistorische Tragweite zu verstehen, muss man sich die Entwicklung der Jazzgeschichte bis zu diesem Punkt vergegenwärtigen: Über Jahrzehnte hinweg entwickelte sich der Jazz entlang von Strukturen. Harmonien wurden komplexer, Rhythmen raffinierter, Skalen vielschichtiger. Jede Epoche – vom Swing über Bebop bis zum Hardbop – definierte neue Regeln und ein neues Vokabular. John Coltrane selbst war der Meister dieser Entwicklung; er führte die harmonische Logik des Jazz an einen Punkt, an dem das System mathematisch austariert und schlicht ausgereizt war.
Das Olatunji-Konzert zieht daraus die ultimative Konsequenz. Es bricht mit dem Grundsatz, dass Musik Fortschritt durch die Verfeinerung von Regeln erzielt. Stattdessen setzt eine musikalische Phänomenologie ein: Die Musik versucht nicht mehr, eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende zu erzählen; Sie konstruiert keine Spannungsbögen mehr, die nach Auflösung verlangen. Sie wird zu einem Zustand absoluter Gegenwart.
Diese Denkweise verändert das Verhältnis zwischen Instrument, Ton und Raum grundlegend:
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Die Befreiung des Klangs vom Ton: Traditionell ist ein Ton im Jazz ein Baustein innerhalb einer Harmonie. Im Olatunji-Konzert wird der einzelne Ton zum Selbstzweck. Das Schreien, Überblasen und die Dissonanzen sind keine Fehler im System, sondern der Versuch, das Instrument als physikalisches Objekt zu überwinden. Der Klang wird nicht mehr geformt, um in ein ästhetisches Raster zu passen; er wird zum direkten Ausdruck von Energie.
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Die Auflösung der musikalischen Architektur: Ein Stück wie My Favorite Things war ursprünglich ein präzise gebautes Gebäude mit Versen, Refrains und einem klaren Metrum. Auf diesem Konzert wird das Stück nicht variiert, sondern aufgelöst. Das Thema taucht nur noch in Fragmenten als fernes Echo auf – nicht als Fundament, sondern als Erinnerung an eine Form, die die Musik hinter sich gelassen hat.
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Das kollektive Bewusstsein statt Solist plus Begleitung: Die historische Tradition trennte fast immer zwischen dem solistischen Vordergrund und dem begleitenden Hintergrund. Hier verschmilzt das Ensemble zu einem einzigen Klangkörper. Schlagzeug und Handperkussion liefern keinen Takt mehr, sondern erzeugen ein rhythmisches Rauschen, in dem die Grenze zwischen Solist und Begleiter vollständig kollabiert.
Musikphilosophisch betrachtet verschiebt sich die Bedeutung von Musik hier von einem Produkt der Kultur hin zu einem Prozess des Seins. Es geht nicht darum, ein Werk zu hinterlassen, das man nachspielen oder analysieren kann. Das Konzert existierte nur in diesem einen, unwiederholbaren Augenblick. Die Tonaufnahme ist kein geglättetes Kunstwerk, sondern der zufällige Abdruck eines energetischen Ereignisses.
Für die Weiterentwicklung der Musik war dieser Schnitt radikal. Coltrane zeigte, dass das Ende einer Form nicht das Ende der Musik bedeutet, sondern der Beginn einer völlig neuen Freiheit. Der Jazz verlor durch diese Spätphase seine Eigenschaft als gefällige Unterhaltungskultur und gewann die Qualität eines rituellen Ereignisses. Nachfolgende Musiker – egal ob im Avantgarde-Jazz, im Noise oder in der freien Improvisation – mussten sich fortan nicht mehr fragen, welche Akkorde sie über ein Thema spielen sollten, sondern wie viel Haltung, Energie und ungeschminkte Wahrheit sie in einen einzigen Klang legen konnten.
Coltranes Vermächtnis
Der Zusammenhang zwischen Coltranes bevorstehendem Tod und dem Olatunji-Konzert ist musikhistorisch und ästhetisch von immenser Tragweite, auch wenn bis heute unklar ist, wie detailliert Coltrane über seine genaue medizinische Diagnose Bescheid wusste. Er starb am 17. Juli 1967, knapp drei Monate nach diesem Auftritt, an Leberkrebs.
Das Wissen um die fortgeschrittene Krankheit wirft ein weiteres, neues Licht auf die unfassbare Intensität und die kompromisslose Physis dieser Performance.
Dringlichkeit und der Kampf gegen die schwindende Zeit
Wenn man weiss, dass Coltrane zu diesem Zeitpunkt bereits unter starken körperlichen Schmerzen litt, bekommt die Musik eine fast verstörende Dringlichkeit. Es gibt in diesem Konzert kein Abtasten, kein Warmspielen und kein langes Ausformulieren von Gedanken mehr. Es wirkt, als wollte er das, wofür ihm in einer normalen Musikerkarriere noch Jahrzehnte geblieben wären, in diese verbleibenden Minuten pressen. Die Dichte der Noten und die schiere Wucht des Klangs sind das Resultat eines Künstlers, dem die Zeit davonläuft.
Spiritualität als Übergang und Befreiung
In Coltranes Denken war Musik immer eng mit dem Göttlichen und dem Kosmischen verknüpft (bereits erstmals manifestiert in „A Love Supreme“). Je näher sein Lebensende rückte, desto stärker wandelte sich seine Musik von einer spirituellen Suche zu einem rituellen Übergang.
Das Olatunji-Konzert hat deshalb den Charakter einer Ekstase im ursprünglichen Wortsinn (ek-stasis: das Ausser-sich-Geraten). Die exzessive Wiederholung, die frenetischen Rhythmen der afrikanischen Handperkussionisten und das kompromisslose Zusammenspiel mit Sanders wirken wie ein ritueller Prozess. Es ging nicht mehr darum, Kunst für ein Publikum zu produzieren, sondern das eigene Bewusstsein durch den Klang vom Physischen zu lösen.
Fazit
The Olatunji Concert ist kein Einstiegsalbum in das Werk von John Coltrane und sperrt sich gegen jede bequeme Rezeption. Die Kombination aus historischer Relevanz, klanglicher Rohheit und kompromissloser emotionaler Wucht macht es jedoch zu einem monumentalen Meilenstein. Es zeigt Coltrane am absoluten Scheitelpunkt seiner Suche nach dem göttlichen Klang – unmittelbar bevor der letzte Vorhang fiel.
Ein essentielles Zeitdokument des Avantgarde-Jazz von historischem und unschätzbarem künstlerischen Wert.